Mühlausen unter sowjetischer Besatzungsdiktatur 1945- 1953
Noch acht Jahre nach Kriegsende betrachtete sich der sowjetische Oberstleutnant Zmeew als Kriegskommandant von Mühlhausen. Am 17. Juni 1953 ließ er durch seine Garnisonstruppen die für mehr demokratischen Rechte demostrierenden Bürger brutal auseinandertreiben. Was sich in den Jahren zuvor an Willkürakten durch die sowjetische Besatzungsmacht in der mitteldeutschen Stadt ereignete, war während des 40- jährigen SED- Diktatur tabu. Erst nach der Wende und nur sehr zögerlich begannen sich die Opfer und Zeitzeugen zu melden. Das Bild, das sich aus Ihren Aussagen herausschälte, übertraf die schlimmsten Vorstellungen von dem, was bis dahin an stalinistischen Terror in der Ostzone bekannt war. Schon bald nach dem Einmarsch der Roten Armee wurden organisiert Menschen verschleppt, erpresst, gefoltert und ermordet. Diese Tragödie, forciert mit dem 1945 sofort in Gang gesetzten Enteignungen, Vertreibungen und der Verfolgung Andersdenkender, war ein Krieg nach dem Krieg. Mehr als zwölftausend Bürger flohen bis 1953 nach dem Westen. ein ähnliches Schicksal erliten auch alle anderen Städte Mitteldeutschlands. Allein in Mühlhausen wurden erstmalig detailliert die Fakten der damls begangenen Verbrechen ermittelt- hier, in diesem Buch vorgestellt.
INHALTSVERZEICHNIS
1. Vorwort 7
2. Einleitung 8
3. Das Ende des Zweiten Weltkriegs 11
4. Aus der Geschichte der Stadt Mühlhausen 17
5. Auftakt: Plünderung und Mord - das Unberechenbare 23
6. Küllstedt 37
7. Razzien 40
8. Einzelfestnahmen 53
9. Militärtribunale 72
10. Der Fall „Bockei" 99
11. Ulrich Bednarek 131
12. Das „Weiße Haus" 133
13.Werwölfe 137
14. Werwolf-Varianten 147
15. Die Heisler-Schwestern 153
16. Haus des Grauens 157
17. Das wahre Gesicht 185
18. Wohin mit den Toten? 190
19.Zwangsverschleppungen 194
20. Denunziation - Spitzeldienst - Erpressung 203
21.Sequestration 233
22. Reparationen 283
23. Unsinnigkeit als Methode 313
24. Die Grenze 321
25. Mysterium 340
Quellen 360
Danksagung 362
Personenregister 365
In Kapiteln wie „Denunziation - Spitzeldienst - Erpressung", „Reparationen", „Die Grenze" und „Unsinnigkeit als Methode" wurden bewusst Vorgänge über den vorgegebenen Zeitrahmen 1945-1953 hinaus angeführt. An solchen markanten Beispielen soll auf die verheerenden Folgen sowjetischer Besatzungspolitik hingewiesen werden.
1. VORWORT
Als ich 1990 mit der Suche nach zwei verschollenen Verwandten begann, die nach 1945 in die Fänge des sowjetischen Geheimdienstes geraten waren, stieß ich bald auf eine Fülle von erschreckenden Informationen. Danach wurden vom NKWD/MWD zahllose Mühlhäuser Bürger erpresst, verschleppt und getötet. Hunderte von Betroffenen und Zeitzeugen haben sich seither gemeldet und die Schicksale solcher Opfer bestätigt. Waren es anfangs vorwiegend Mitglieder von NS-Organisationen und Wehr nachtsangehörige, kamen bald Bürger hinzu, die der „gesellschaftlichen Umgestaltung" im Wege standen, die als „Spione" und „Klassenfeinde" von den Sowjets gefoltert, verschleppt und hingerichtet wurden. Aus der Erfassung dieser Schicksale und der damit verbundenen Ereignisse entstand schließlich eine allgemeine Aufarbeitung jener Geschehnisse, welche die Stadt erschütterten und die 44 Jahre als tabu galten: Die sinnlosen Demontagen ganzer Fabrikanlagen, die ungeheuren Reparationsleistungen, welche mit völlig ungenügenden Mitteln von den gebeutelten Bürgern erbracht werden mussten oder die von den deutschen Kommunisten der sowjetischen Militäradministration durchgepeitschte „Entprivatisierung", der nahezu der gesamte Kern einer über Jahrhunderte gewachsenen mittelständischen Handwerksindustrie zum Opfer fiel. Soweit DDRChronisten jenen Nachkriegsjahren Beachtung schenkten, berichteten sie in allgemeinen Floskeln von der „schweren Arbeit des Wiederaufbaus", der „Zerschlagung des faschistischen Staatsapparates" und der „planmäßigen Demokratisierung in den Verwaltungen". Weder von der anhaltenden Rechtsunsicherheit für die Bürger noch von der brutalen Meinungsunterdrückung war die Rede. Wie es hieß, befand sich die Wirtschaft im ständigen Aufschwung und die Menschen konnten endlich, von aller Ausbeutung befreit, frohen Mutes in den volkseigenen Betrieben arbeiten.
Die ungeheuren Fluchtzahlen indessen zeichneten das wahre Bild. Die 1946 noch 46.000 Einwohner zählende Stadt blutete wegen der wachsenden Willkürmaßnahmen an alteingesessenen Bürgern nahezu aus. Bis zum Mauerbau 1961 flohen mehr als 27.000 Menschen aus dem Territorium.
So werden mit dem Inhalt dieses Buches erstmals die Schattenseiten der von der Sowjetunion in Gang gesetzten sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Stadt Mühlhausen vorgestellt. Diese Veränderungen aber müssen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem sowjetischen Geheimdienst NKWD/MWD gesehen werden, dessen Tätigkeit zu den schlimmsten Kapiteln der über eintausendjährigen Stadtgeschichte zählt. Mit der Unterstützung deutscher Helfer wurde ein Spitzelsystem aufgebaut, das nicht nur die Voraussetzung für die Bildung des DDR-Staatssicherheitsdienstes bildete. Dieses in der gesamten sowjetischen Besatzungszone auf breitester Front durchgeführte Denunziantenwesen war ein Angriff auf das Rechts- und Moralgefühl der Menschen. Es war der Versuch, das Selbstwertgefühl eines ganzen Volkes zu untergraben, um es sich für die sowjetischen Machtinteressen gefügig zu halten.
Manfred Thiele
2. EINLEITUNG
Erst durch den Zusammenbruch der DDR wurde es möglich, eine Aufarbeitung jener Geschehnisse vorzunehmen, die das Leben der Stadt Mühlhausen in den Jahren zwischen 1945 und 1955 unter sowjetischer Besatzungsmacht prägten. Als die Rote Armee am 4. Juli 1945 in die Stadt einzog, hielten sich die Erwartungen der Bevölkerung in Grenzen. Was konnte sie von einer Siegernation erwarten, die durch den Krieg unendliches Leid erfahren hatte und mit 10 Millionen Toten einen hohen Preis bezahlt hatte? Die Antwort kam bald. Sie war eindeutig und entsprach alles andere als dem Bild, das die späteren DDR-Historiker von den „Freunden" und „Befreiern" gemacht haben. Schnell prägten Terror und Angst das Leben der Mühlhäuser Bürger. Menschen wurden aus ihren Häusern gejagt, verhaftet, gefoltert, erschossen, verschleppt. Neben Repressalien erfolgten Razzien, Demütigungen, Morde auf offener Straße. Die Hoffnung der Bevölkerung, dass nun nach Ende des Krieges endlich Friede einkehren würde, erwies sich angesichts solcher Willkür als Trugschluss.
Die Rote Armee war als Siegermacht gekommen, selbstbewusst, Herr über Leben und Tod, den unterlegenen Gegner das jederzeit spüren lassend. Sie war gekommen als neuerstandene Großmacht, die nicht gewillt war, auch nur einen Meter des eroberten Territoriums wieder herzugeben, entsprechend der imperialistischen Entwicklungsgeschichte des russisch-sowjetischen Reiches. Sie war gekommen als Trägerin einer Ideologie, die sie sofort und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dem besetzten deutschen Gebiet aufzustülpen gewillt war. Vor allem aber war sie mit dem gefürchteten Geheimdienst NKWD/MWD in Mitteldeutschland eingezogen, eine Truppe, deren blutige Spur bis in die Anfänge der Sowjet-Republik zurück reichte. Dass die Übergriffe dieser sowjetischen Besatzungsmacht, ihre zahllosen Verbrechen im weiteren Verlauf in der DDR-Geschichtsschreibung unerwähnt blieben, entsprach ganz und gar der „historischen Entwicklung" des besetzten Landes, der DDR, wo die inzwischen eingeführte „leninistisch-stalinistische" Ideologie die Maßstäbe, Normen und programmatischen Zielsetzungen für die Bevölkerung bestimmten. Zu keiner Zeit wurde den nachfolgenden Generationen darüber Aufklärung erteilt, was sich damals abgespielt hat. Es hieß lediglich, dass im Zuge der Entnazifizierung in den Nachkriegsjahren alle verantwortlichen Nazis verhaftet und ihrer gerechten Strafe zugeführt worden seien. Das war alles. Weder von der Wiederinbetriebnahme solcher KZs wie Buchenwald, Sachsenhausen, Jamlitz und Ketschendorf wurde gesprochen, noch von den nicht enden wollenden Übergriffen sowjetischer Soldaten bei der deutschen Bevölkerung, schon gar nicht von den Folterkellern der GPU in den mitteldeutschen Städten. Dem Bild der friedliebenden und großmütigen Sowjetunion mit Väterchen Stalin an der Spitze durfte kein Fleck zugefügt werden.
Der Begriff „Stalinismus" und was die Verbrechen Stalins im einzelnen bedeuteten, sind zu DDR-Zeiten nie aufgezeigt und den Menschen deutlich gemacht worden. Aus gutem Grund. Zum einen war Stalinismus reine Willkürherrschaft ohne geringste demokratische Regeln, also von daher von den Regierungspraktiken der DDR-Oberen kaum zu unterscheiden, zum anderen ein gesellschaftspolitisches
System, das ohne „geschichtliche Notwendigkeit" die Macht einem Einzelnen überließ. Eben das aber praktizierten Ulbricht und Honecker bis zu ihrem Amtsende. Beide mussten gewaltsam von den eigenen Genossen entfernt werden. Stalins Weg war während seiner 30-jährigen Herrschaft von Blut und Terror geprägt. Unter ihm entfernte sich der Kommunismus schnell von der einfachen Diktatur zum totalitären System. Menschenleben galten nichts. Allein die Zwangskollektivierung 1932 kostete der SU über fünf Millionen Tote. Um seine Macht zu festigen, ließ Stalin während der großen „Säuberung" von 1936 bis 1938 nicht nur die alten Bolschewiki ermorden, sondern auch seine getreuesten Genossen. Die Medien indessen machten ihn zum allwissenden Führer und alleinigen Besitzer der Wahrheit. Damit wurde seine Person den Sowjetbürgern als gottähnlich vorgestellt. Wer daran zweifelte, beging Gotteslästerung und wurde entsprechend bestraft. Das haben zahlreiche Mühlhäuser, so die Heisler-Schwestern, bitter zu spüren bekommen. Unzählige Deutsche sind wegen dieses Deliktes von sowjetischen Militärtribunalen hingerichtet worden. Bezeichnenderweise fanden diese Verhandlungen im Geheimen statt.
Trotz Stalins Tod 1953 und dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, demzufolge der „Stalinismus" schrittweise überwunden werden sollte, blieben die Grundpfeiler dieses Terror-Systems sowohl in der Sowjetunion wie in der DDR erhalten. Weder der ideologische Anspruch, die Partei habe „immer Recht", noch das Organisationsprinzip mit der hierarchischen Forderung nach „demokratischem Zentralismus" oder das System der „Nomenklatur" in der Kaderpolitik wurden aufgehoben. Letzteres haben die Mühlhäuser bei ihren Ortsgewaltigen nur allzu gut studieren können, wie es überhaupt zu ihren Stalinismus-Erfahrungen zählte, jenen Funktionärs-Typ kennen zu lernen, der jederzeit die von oben angeordneten und oft wechselnden politischen Linien befolgte, der sich freiwillig unterordnete und kritiklos Parteidisziplin übte. Diese Funktionäre kennzeichnete eine geradezu erstaunliche Überheblichkeit. Sie glaubten tatsächlich, mit ihrer Kenntnis von der angeblichen „Gesetzmäßigkeit" der Geschichte über den Massen zu stehen. Das devote Bekenntnis zu Stalin und dessen „Marxismus-Leninismus" bedeutete für sie, die Direktiven des Politbüros stets als unfehlbar zu akzeptieren. Wobei sie in einer nicht mehr nachzuvollziehenden Weise darüber hinwegsahen, dass diese ParteiFührer nicht einmal in der Lage waren, ordentlich Deutsch zu sprechen und sich frei zu artikulieren. Die bestenfalls das Bildungsniveau von Achtklassenschülern hatten und das auch offen zur Schau trugen. Die in diesem Buch gesammelten Fakten, Aussagen, Dokumente, Berichte, Kassiber und Briefe wurden von mehr als 400 Zeitzeugen, Opfern bzw. Angehörigen von Opfern an den Autor herangetragen. Sie bringen Licht in eines der dunkelsten und grausamsten Kapitel Mühlhäuser Stadtgeschichte. Dass nach fünfzig Jahren nur ein Teil der damaligen Geschehnisse ermittelt werden konnte, versteht sich von selbst. Das ganze Ausmaß der Tragödie muss also noch viel umfassender gesehen werden.
Was die vom Autor eingefügten Zeitsprünge betrifft, so sind diese zur Erhellung der jeweiligen Texte gedacht. Das gilt ebenso für herangezogene Berichte von überregionalen Ereignissen und Nennung von Gesamtzahlen, wie von Verschleppungen und Verurteilungen in der gesamten SBZ und DDR.
Es liegt dem Autor völlig fern, mit diesem Buch eine Gegenrechnung zu den
durch den Hitler-Faschismus begangenen Verbrechen in der Sowjetunion aufzustellen. Aber es kann nicht sein, die damals geschehenen Schandtaten, insbesondere die vom sowjetischen NKWD/MWD begangenen, länger zu verschweigen. Dazu besteht nicht der mindeste Grund. Im Gegenteil: Es gab den Faschismus und es gab den Stalinismus. Beide Diktaturen waren in ihren Handlungsweisen unmenschlich und zutiefst verbrecherisch. Das soll hiermit den Nachgeborenen in aller Deutlichkeit aufgezeichnet werden.
Laut Potsdamer Abkommen besetzte die Rote Armee am 4. April 1945 das inzwischen von den Amerikanern geräumte Land Thüringen.
„Wir wohnten damals am Kiliansgraben 6. In langen Kolonnen rollten die kleinen Panjewagen der Russen die Langensalzaer Straße herunter. Nur hin und wieder zeigte sich ein motorisiertes Fahrzeug. Plötzlich schrie eine Frau laut auf. Ein Motorrad mit Beiwagen war auf dem Fußweg entlanggefahren und hatte sie zur Seite geschleudert. Ungerührt fuhren die beiden Soldaten weiter. Später versuchten einige Passanten der Unglücklichen zu helfen. Aber da war sie schon tot. Noch Stunden später lag sie so da. - Das war meine erste Bekanntschaft mit der Sowjet-Armee."
Detlef Weimer
Noch acht Jahre nach Kriegsende betrachtete sich der sowjetische Oberstleutnant Zmeew als Kriegskommandant von Mühlhausen. Am 17. Juni 1953 ließ er durch seine Garnisonstruppen die für mehr demokratischen Rechte demostrierenden Bürger brutal auseinandertreiben. Was sich in den Jahren zuvor an Willkürakten durch die sowjetische Besatzungsmacht in der mitteldeutschen Stadt ereignete, war während des 40- jährigen SED- Diktatur tabu. Erst nach der Wende und nur sehr zögerlich begannen sich die Opfer und Zeitzeugen zu melden. Das Bild, das sich aus Ihren Aussagen herausschälte, übertraf die schlimmsten Vorstellungen von dem, was bis dahin an stalinistischen Terror in der Ostzone bekannt war. Schon bald nach dem Einmarsch der Roten Armee wurden organisiert Menschen verschleppt, erpresst, gefoltert und ermordet. Diese Tragödie, forciert mit dem 1945 sofort in Gang gesetzten Enteignungen, Vertreibungen und der Verfolgung Andersdenkender, war ein Krieg nach dem Krieg. Mehr als zwölftausend Bürger flohen bis 1953 nach dem Westen. ein ähnliches Schicksal erliten auch alle anderen Städte Mitteldeutschlands. Allein in Mühlhausen wurden erstmalig detailliert die Fakten der damls begangenen Verbrechen ermittelt- hier, in diesem Buch vorgestellt.
INHALTSVERZEICHNIS
1. Vorwort 7
2. Einleitung 8
3. Das Ende des Zweiten Weltkriegs 11
4. Aus der Geschichte der Stadt Mühlhausen 17
5. Auftakt: Plünderung und Mord - das Unberechenbare 23
6. Küllstedt 37
7. Razzien 40
8. Einzelfestnahmen 53
9. Militärtribunale 72
10. Der Fall „Bockei" 99
11. Ulrich Bednarek 131
12. Das „Weiße Haus" 133
13.Werwölfe 137
14. Werwolf-Varianten 147
15. Die Heisler-Schwestern 153
16. Haus des Grauens 157
17. Das wahre Gesicht 185
18. Wohin mit den Toten? 190
19.Zwangsverschleppungen 194
20. Denunziation - Spitzeldienst - Erpressung 203
21.Sequestration 233
22. Reparationen 283
23. Unsinnigkeit als Methode 313
24. Die Grenze 321
25. Mysterium 340
Quellen 360
Danksagung 362
Personenregister 365
In Kapiteln wie „Denunziation - Spitzeldienst - Erpressung", „Reparationen", „Die Grenze" und „Unsinnigkeit als Methode" wurden bewusst Vorgänge über den vorgegebenen Zeitrahmen 1945-1953 hinaus angeführt. An solchen markanten Beispielen soll auf die verheerenden Folgen sowjetischer Besatzungspolitik hingewiesen werden.
1. VORWORT
Als ich 1990 mit der Suche nach zwei verschollenen Verwandten begann, die nach 1945 in die Fänge des sowjetischen Geheimdienstes geraten waren, stieß ich bald auf eine Fülle von erschreckenden Informationen. Danach wurden vom NKWD/MWD zahllose Mühlhäuser Bürger erpresst, verschleppt und getötet. Hunderte von Betroffenen und Zeitzeugen haben sich seither gemeldet und die Schicksale solcher Opfer bestätigt. Waren es anfangs vorwiegend Mitglieder von NS-Organisationen und Wehr nachtsangehörige, kamen bald Bürger hinzu, die der „gesellschaftlichen Umgestaltung" im Wege standen, die als „Spione" und „Klassenfeinde" von den Sowjets gefoltert, verschleppt und hingerichtet wurden. Aus der Erfassung dieser Schicksale und der damit verbundenen Ereignisse entstand schließlich eine allgemeine Aufarbeitung jener Geschehnisse, welche die Stadt erschütterten und die 44 Jahre als tabu galten: Die sinnlosen Demontagen ganzer Fabrikanlagen, die ungeheuren Reparationsleistungen, welche mit völlig ungenügenden Mitteln von den gebeutelten Bürgern erbracht werden mussten oder die von den deutschen Kommunisten der sowjetischen Militäradministration durchgepeitschte „Entprivatisierung", der nahezu der gesamte Kern einer über Jahrhunderte gewachsenen mittelständischen Handwerksindustrie zum Opfer fiel. Soweit DDRChronisten jenen Nachkriegsjahren Beachtung schenkten, berichteten sie in allgemeinen Floskeln von der „schweren Arbeit des Wiederaufbaus", der „Zerschlagung des faschistischen Staatsapparates" und der „planmäßigen Demokratisierung in den Verwaltungen". Weder von der anhaltenden Rechtsunsicherheit für die Bürger noch von der brutalen Meinungsunterdrückung war die Rede. Wie es hieß, befand sich die Wirtschaft im ständigen Aufschwung und die Menschen konnten endlich, von aller Ausbeutung befreit, frohen Mutes in den volkseigenen Betrieben arbeiten.
Die ungeheuren Fluchtzahlen indessen zeichneten das wahre Bild. Die 1946 noch 46.000 Einwohner zählende Stadt blutete wegen der wachsenden Willkürmaßnahmen an alteingesessenen Bürgern nahezu aus. Bis zum Mauerbau 1961 flohen mehr als 27.000 Menschen aus dem Territorium.
So werden mit dem Inhalt dieses Buches erstmals die Schattenseiten der von der Sowjetunion in Gang gesetzten sozialen und gesellschaftlichen Veränderungen in der Stadt Mühlhausen vorgestellt. Diese Veränderungen aber müssen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem sowjetischen Geheimdienst NKWD/MWD gesehen werden, dessen Tätigkeit zu den schlimmsten Kapiteln der über eintausendjährigen Stadtgeschichte zählt. Mit der Unterstützung deutscher Helfer wurde ein Spitzelsystem aufgebaut, das nicht nur die Voraussetzung für die Bildung des DDR-Staatssicherheitsdienstes bildete. Dieses in der gesamten sowjetischen Besatzungszone auf breitester Front durchgeführte Denunziantenwesen war ein Angriff auf das Rechts- und Moralgefühl der Menschen. Es war der Versuch, das Selbstwertgefühl eines ganzen Volkes zu untergraben, um es sich für die sowjetischen Machtinteressen gefügig zu halten.
Manfred Thiele
2. EINLEITUNG
Erst durch den Zusammenbruch der DDR wurde es möglich, eine Aufarbeitung jener Geschehnisse vorzunehmen, die das Leben der Stadt Mühlhausen in den Jahren zwischen 1945 und 1955 unter sowjetischer Besatzungsmacht prägten. Als die Rote Armee am 4. Juli 1945 in die Stadt einzog, hielten sich die Erwartungen der Bevölkerung in Grenzen. Was konnte sie von einer Siegernation erwarten, die durch den Krieg unendliches Leid erfahren hatte und mit 10 Millionen Toten einen hohen Preis bezahlt hatte? Die Antwort kam bald. Sie war eindeutig und entsprach alles andere als dem Bild, das die späteren DDR-Historiker von den „Freunden" und „Befreiern" gemacht haben. Schnell prägten Terror und Angst das Leben der Mühlhäuser Bürger. Menschen wurden aus ihren Häusern gejagt, verhaftet, gefoltert, erschossen, verschleppt. Neben Repressalien erfolgten Razzien, Demütigungen, Morde auf offener Straße. Die Hoffnung der Bevölkerung, dass nun nach Ende des Krieges endlich Friede einkehren würde, erwies sich angesichts solcher Willkür als Trugschluss.
Die Rote Armee war als Siegermacht gekommen, selbstbewusst, Herr über Leben und Tod, den unterlegenen Gegner das jederzeit spüren lassend. Sie war gekommen als neuerstandene Großmacht, die nicht gewillt war, auch nur einen Meter des eroberten Territoriums wieder herzugeben, entsprechend der imperialistischen Entwicklungsgeschichte des russisch-sowjetischen Reiches. Sie war gekommen als Trägerin einer Ideologie, die sie sofort und mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln dem besetzten deutschen Gebiet aufzustülpen gewillt war. Vor allem aber war sie mit dem gefürchteten Geheimdienst NKWD/MWD in Mitteldeutschland eingezogen, eine Truppe, deren blutige Spur bis in die Anfänge der Sowjet-Republik zurück reichte. Dass die Übergriffe dieser sowjetischen Besatzungsmacht, ihre zahllosen Verbrechen im weiteren Verlauf in der DDR-Geschichtsschreibung unerwähnt blieben, entsprach ganz und gar der „historischen Entwicklung" des besetzten Landes, der DDR, wo die inzwischen eingeführte „leninistisch-stalinistische" Ideologie die Maßstäbe, Normen und programmatischen Zielsetzungen für die Bevölkerung bestimmten. Zu keiner Zeit wurde den nachfolgenden Generationen darüber Aufklärung erteilt, was sich damals abgespielt hat. Es hieß lediglich, dass im Zuge der Entnazifizierung in den Nachkriegsjahren alle verantwortlichen Nazis verhaftet und ihrer gerechten Strafe zugeführt worden seien. Das war alles. Weder von der Wiederinbetriebnahme solcher KZs wie Buchenwald, Sachsenhausen, Jamlitz und Ketschendorf wurde gesprochen, noch von den nicht enden wollenden Übergriffen sowjetischer Soldaten bei der deutschen Bevölkerung, schon gar nicht von den Folterkellern der GPU in den mitteldeutschen Städten. Dem Bild der friedliebenden und großmütigen Sowjetunion mit Väterchen Stalin an der Spitze durfte kein Fleck zugefügt werden.
Der Begriff „Stalinismus" und was die Verbrechen Stalins im einzelnen bedeuteten, sind zu DDR-Zeiten nie aufgezeigt und den Menschen deutlich gemacht worden. Aus gutem Grund. Zum einen war Stalinismus reine Willkürherrschaft ohne geringste demokratische Regeln, also von daher von den Regierungspraktiken der DDR-Oberen kaum zu unterscheiden, zum anderen ein gesellschaftspolitisches
System, das ohne „geschichtliche Notwendigkeit" die Macht einem Einzelnen überließ. Eben das aber praktizierten Ulbricht und Honecker bis zu ihrem Amtsende. Beide mussten gewaltsam von den eigenen Genossen entfernt werden. Stalins Weg war während seiner 30-jährigen Herrschaft von Blut und Terror geprägt. Unter ihm entfernte sich der Kommunismus schnell von der einfachen Diktatur zum totalitären System. Menschenleben galten nichts. Allein die Zwangskollektivierung 1932 kostete der SU über fünf Millionen Tote. Um seine Macht zu festigen, ließ Stalin während der großen „Säuberung" von 1936 bis 1938 nicht nur die alten Bolschewiki ermorden, sondern auch seine getreuesten Genossen. Die Medien indessen machten ihn zum allwissenden Führer und alleinigen Besitzer der Wahrheit. Damit wurde seine Person den Sowjetbürgern als gottähnlich vorgestellt. Wer daran zweifelte, beging Gotteslästerung und wurde entsprechend bestraft. Das haben zahlreiche Mühlhäuser, so die Heisler-Schwestern, bitter zu spüren bekommen. Unzählige Deutsche sind wegen dieses Deliktes von sowjetischen Militärtribunalen hingerichtet worden. Bezeichnenderweise fanden diese Verhandlungen im Geheimen statt.
Trotz Stalins Tod 1953 und dem XX. Parteitag der KPdSU 1956, demzufolge der „Stalinismus" schrittweise überwunden werden sollte, blieben die Grundpfeiler dieses Terror-Systems sowohl in der Sowjetunion wie in der DDR erhalten. Weder der ideologische Anspruch, die Partei habe „immer Recht", noch das Organisationsprinzip mit der hierarchischen Forderung nach „demokratischem Zentralismus" oder das System der „Nomenklatur" in der Kaderpolitik wurden aufgehoben. Letzteres haben die Mühlhäuser bei ihren Ortsgewaltigen nur allzu gut studieren können, wie es überhaupt zu ihren Stalinismus-Erfahrungen zählte, jenen Funktionärs-Typ kennen zu lernen, der jederzeit die von oben angeordneten und oft wechselnden politischen Linien befolgte, der sich freiwillig unterordnete und kritiklos Parteidisziplin übte. Diese Funktionäre kennzeichnete eine geradezu erstaunliche Überheblichkeit. Sie glaubten tatsächlich, mit ihrer Kenntnis von der angeblichen „Gesetzmäßigkeit" der Geschichte über den Massen zu stehen. Das devote Bekenntnis zu Stalin und dessen „Marxismus-Leninismus" bedeutete für sie, die Direktiven des Politbüros stets als unfehlbar zu akzeptieren. Wobei sie in einer nicht mehr nachzuvollziehenden Weise darüber hinwegsahen, dass diese ParteiFührer nicht einmal in der Lage waren, ordentlich Deutsch zu sprechen und sich frei zu artikulieren. Die bestenfalls das Bildungsniveau von Achtklassenschülern hatten und das auch offen zur Schau trugen. Die in diesem Buch gesammelten Fakten, Aussagen, Dokumente, Berichte, Kassiber und Briefe wurden von mehr als 400 Zeitzeugen, Opfern bzw. Angehörigen von Opfern an den Autor herangetragen. Sie bringen Licht in eines der dunkelsten und grausamsten Kapitel Mühlhäuser Stadtgeschichte. Dass nach fünfzig Jahren nur ein Teil der damaligen Geschehnisse ermittelt werden konnte, versteht sich von selbst. Das ganze Ausmaß der Tragödie muss also noch viel umfassender gesehen werden.
Was die vom Autor eingefügten Zeitsprünge betrifft, so sind diese zur Erhellung der jeweiligen Texte gedacht. Das gilt ebenso für herangezogene Berichte von überregionalen Ereignissen und Nennung von Gesamtzahlen, wie von Verschleppungen und Verurteilungen in der gesamten SBZ und DDR.
Es liegt dem Autor völlig fern, mit diesem Buch eine Gegenrechnung zu den
durch den Hitler-Faschismus begangenen Verbrechen in der Sowjetunion aufzustellen. Aber es kann nicht sein, die damals geschehenen Schandtaten, insbesondere die vom sowjetischen NKWD/MWD begangenen, länger zu verschweigen. Dazu besteht nicht der mindeste Grund. Im Gegenteil: Es gab den Faschismus und es gab den Stalinismus. Beide Diktaturen waren in ihren Handlungsweisen unmenschlich und zutiefst verbrecherisch. Das soll hiermit den Nachgeborenen in aller Deutlichkeit aufgezeichnet werden.
Laut Potsdamer Abkommen besetzte die Rote Armee am 4. April 1945 das inzwischen von den Amerikanern geräumte Land Thüringen.
„Wir wohnten damals am Kiliansgraben 6. In langen Kolonnen rollten die kleinen Panjewagen der Russen die Langensalzaer Straße herunter. Nur hin und wieder zeigte sich ein motorisiertes Fahrzeug. Plötzlich schrie eine Frau laut auf. Ein Motorrad mit Beiwagen war auf dem Fußweg entlanggefahren und hatte sie zur Seite geschleudert. Ungerührt fuhren die beiden Soldaten weiter. Später versuchten einige Passanten der Unglücklichen zu helfen. Aber da war sie schon tot. Noch Stunden später lag sie so da. - Das war meine erste Bekanntschaft mit der Sowjet-Armee."
Detlef Weimer
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Diesen Artikel haben wir am Dienstag, 23. Juni 2009 in unseren Katalog aufgenommen.



