Thiele: Flucht ohne Ende

Thiele: Flucht ohne Ende
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Art.Nr.: 6223
INHALTSVERZEICHNIS


1. Einleitung 7
2. Opfer-Analyse/Dokumentation 9
3. Beweggründe zur Flucht 16
4. Eine Stadt versinkt in Angst und Schrecken 18
Fluchtzahlen von 1945-1949 18
5. Stadt der Türme und Türmer 60
Fluchtzahlen von 1950-1961 60
6. Die Heimatlosen 141
7. Die Wismut-Aktion 146
8. Der Sowjetfeind 168
9. Die Verbrechen der Sowjets am Beispiel Mühlhausen 187
Frauen-Verschleppung 187
Hinterlassenschaft Stasi 199
Tatort Pfafferode 201
Erschossen in Moskau 212
Hohe Ehrung für Mühlhäuser 217
10. Nach dem Mauerbau 219
Zwangsaussiedlungen 222
Bedingungen im DDR-Strafvollzug 225
Die Festnahmen 225
Untersuchungshaft 230
Verhörmethoden 231
Strafvollzug 233
Freikauf 240
11. Haft und Freikauf der Brüder Großklaus 244
12. Rollentausch der Zwillingsbrüder Bonfils 250
13. Dieter Weisheit 271
14. Mühlhäuser „Prager Frühling" 278
15. Nachwort 282
16. Berichtigungen 292
17. Quellen 293
18. Danksagung 295

Gebunden, 295 Seiten mit Abb.

Vorwort
„Flucht ohne Ende" ist die Fortsetzung von „Vae victis"
Die Reaktionen auf „Vae victis - Mühlhausen unter sowjetischer Besatzungsdiktatur 1945-1953" sind Anlass für dieses Buch geworden. Nicht nur, dass sich seit dem Erscheinen der Dokumentation über die bitteren Nachkriegsjahre Mühlhausens zahlreiche weitere Opfer sowjetischer Besatzungswillkür gemeldet haben, auch in den Archiven fand sich brisantes Material, das die furchtbaren damaligen Zustände sehr viel genauer ins Bild rückt. So bestätigen die von der VP-Meldestelle akribisch festgehaltenen Zahlen republikflüchtiger Bürger samt den aufgestellten Analysen, das menschenfeindliche Vorgehen der zur Macht gelangten Kommunisten. Lieber wollte ein Großteil der Bevölkerung auf das angestammte Heimatrecht verzichten, als länger unter der Vormundschaft roter Diktatoren zu leiden.

Ein weiterer Grund für die Erstellung dieses Buches ist, wie sich herausgestellt hat der, dass ich der Einzige bin, der eine derartige Aufarbeitung der unguten Nachkriegsgeschehnisse einer mitteldeutschen Stadt betrieben hat. Von daher sehe ich es als Verpflichtung an, so gründlich wie möglich alle erreichbaren Fakten zusammen zutragen und vorzustellen.

Auffällig wurde nach dem Erscheinen von „Vae victis" das Negieren des Buches von verschiedenen Seiten, insbesondere von bestimmten Presse- und Medienstellen, aber auch von Institutionen und Forschungsstätten. Personen, mit denen ich bis dahin zusammengearbeitet und Fakten ausgetauscht habe, schweigen seither auf geradezu brüskierende Weise. Weil sie diesen Teil deutscher Geschichte so nicht wahr haben wollen? Oder weil es sich ihrer Meinung nach nicht gebührt, neben das NS-Massenverbrechen nun das Massenverbrechen des Kommunismus zu stellen?
Für sie scheint das Thema Kriegsverbrechen der Alliierten vor und nach 1945 weiterhin tabu zu sein. Und das ganz offensichtlich mit der Absicht, die Schuld für die entsetzlichen Geschehnisse im zwanzigsten Jahrhundert allein den Deutschen zuzuschieben. Das ist schlimm! Ja schaurig angesichts der mörderischen Vorgehensweise der Alliierten während, vor allem aber nach dem Krieg gegen das deutsche Volk.
So bleibt der Vorwurf eines Kritikers „Vae victis" verfüge nur über unzureichende Quellenangaben und sei daher für eine verläßliche Geschichtsschreibung unbrauchbar, eine Farce. Denn: wo sind die Historiker, die sich für die deutsche Nachkriegsgeschichte interessieren? Wo waren sie in den vergangenen 60 Jahren? Ich könnte sie mit jeder Menge Quellenmaterial versorgen, wenn sie nur kämen. Und wollten.

Manfred Thiele

"Man kann dieses Buch des Grauens nicht wie einen Roman abends vorm Einschlafen lesen, man findet nachts keine Ruhe mehr und braucht Tage, um zu verarbeiten, was man gelesen hat. In der DDR-Geschichtsschreibung werden die Nachkriegsjahre als 'antifaschistisch-demokratische Umwälzung' geführt. Thieles Buch dagegen ist Geschichtsschreibung von unten, aus der Sicht der Opfer, nicht der Täter."
Dr. Jörg-Bernhard Bilke
Es ist schon merkwürdig, wenn ausgerechnet ein Laie die Aufarbeitung der mitteldeutschen Nachkriegsgeschichte betreiben muss, damit endlich eine Erhellung der damaligen Geschehnisse geschieht. Millionen von Menschen haben Furchtbares erduldet, sie wurden gedemütigt, entrechtet, erpresst und verschleppt; Vieles davon ist auch in Akten festgehalten, also authentisch nachgewiesen, doch selbst 17 Jahre nach der Wende hat sich keine Universität, kein Wissenschaftler dazu entschließen können, diese Zeit detailliert zu erforschen und aufzuzeigen.
Ein Tabu-Thema also? Noch immer nach mehr als einem halben Jahrhundert? Anscheinend ja! Denn es gibt immer noch genügend Zeitzeugen, Betroffene und Opfer, die befragt werden können und es gibt dicke Aktenbündel in den Archiven, nach wie vor unberührt.
Der Wert von Thieles Buch besteht zum einem in der territorialen Begrenzung seiner Aufarbeitung, das heißt, dass sich seine Forschung auf eine Kreisstadt beschränkt und von daher übersichtlich bleibt. Zum anderen, dass er den Leser mit wichtigen Hintergrundinformationen versorgt, die ihm helfen, jene Zeit und das Ausmaß der Verbrechen besser zu erfassen.
In mehr als 12 Jahren hat Thiele Hunderte von Zeitzeugen befragt, vor allem Opfer. Er hat sich von ihnen Belege vorlegen lassen oder sich diese aus Archiven besorgt. Bewegende Erlebnisse waren ihm, in welch erschreckenden Zuständen sich mitunter Betroffene befanden, die während des Erzählens ins Weinen gerieten oder zu flüstern begannen und ihm gestanden, noch immer Angst vor möglichen Repressalien zu haben. Die Übernahme Thüringens durch die Sowjets am 4. Juli 1945 war für die Bürger der Beginn einer Schreckenszeit unvorstellbaren Ausmaßes. Mord, Raub und Willkürakte sowjetischer Soldaten prägten fortan das Leben der Stadt Mühlhausen. Der Zustand völliger Rechtlosigkeit, die tägliche
Angst vergewaltigt, umgebracht oder verschleppt zu werden, hielt die Menschen über Jahre in Spannung. Bereits Ende 1945 waren auf Anordnung der sowjetischen Militärbehörden weit über tausend Bürger aus der Stadt verschleppt worden. 44 Männer, sieben Frauen und ein Kind-hatten Rotarmisten bis dahin auf offener Straße ermordet. In den von der GPU(MKWD) schnell hergerichteten Gefängnissen kamen über 200 Personen durch Erschlagen und Erschießen ums Leben. Besonders Jugendliche wurden immer wieder Opfer bei diesen Gewaltmaßnahmen und Inhaftierungen. Hautnah musste Thiele, selbst zweimal Gefangener (1945 + 1947) miterleben, in welchem Zustand die Gefolterten in die Zellen zurückkamen. Blutüberströmt, stöhnend vor Schmerzen, um Wasser bettelnd. Er war Zeuge, wie nachts die Getöteten außer Haus gebracht und in Kübelwagen fortgeschafft wurden - zur Einäscherung ins städtische Krematorium oder zum Verscharren in den Mühlhäuser Stadtwald.
Zu den Ungeheuerlichkeiten jener Jahre zählte, dass den Angehörigen der Verschleppten und Getöteten keinerlei Auskunft über den Verbleib der Unglücklichen gegeben wurde. Erst nach 1952 erhielten die Hinterbliebenen von den Stadtämtern die Aufforderung, für die Verschollenen eine Todeserklärung zu beantragen. Eine an Zynismus kaum zu überbietende Aktion. Nicht nur die politische Verfolgung unbeschötener Bürger, sondern die unguten Verhältnisse in der Sowjetischen Besatzungszone überhaupt, führten zu einer gewaltigen Fluchtbewegung nach Westdeutschland. Zusammen mit Neubürgern flohen von 1945 bis zum Mauerbau 1961 über 27 000 alteingesessene Mühlhäuser. Ausgeglichen wurde dieser riesige Schwund vor allem durch die hohe Zahl eintreffender Ostflüchtlinge. Allein im März 1946 musste Thüringen von ihnen eine Million aufnehmen, davon entfielen auf den Landkreis Mühlhausen 18 000. Bereits am 15. Mai traf in Mühlhausen ein weiterer Transport mit 3 000 Menschen ein; im Januar waren es 11 292 Flüchtlinge gewesen, die in der Stadt unterzubringen waren. Bis zum Frühjahr 1947 erreichten Mühlhausen 9 weitere Großtransporte, so die Statistik der Landratsakten.
Von 1952 an kann Thiele die genauen Zahlen der geflohenenjBürger vorweisen, akribisch erfasst von der Vo-Po-Meldestelle. Dazu bietet er aus den Akten ausführliche Analysen an z.B. wieviele Männer, Frauen und Kinder geflohen waren - monatlich, vierteljährlich, halbjährlich. Desweiteren ist nachzulesen, welche Ber-.ufe diese Personen hatten, welcher Partei sie angehörten. Festgehalten wurde auch, welche Betriebe von diesen "Abgängen" besonders betroffen waren, welche Berufsgruppen, auch welche Gemeinden bei der Fluchtbewegung besonders auffielen. Die Kommentare zu dieser Katastrophe, verfasst von Mühlhäuser und Erfurter SED-Funktionären, wirkten geradezu lächerlich in ihrer Hilflos.$gkeit, so z.B. "Es muss unbedingt versucht werden, den Genossen Herbert Nordmann wieder zur Rückkehr zu gewinnen. Er war ein guter Genosse und ein hervorragender Fachmann..." (Sommerlatte, Vorsitzender des Rates des Kreises Mühlhausen
Ausführlich geht Thiele auf die Fluchtgründe ein. Zu den 15 von ihm genannten zählen 'Enteignungen', 'Bevormundung und Demütigung', 'Zwangsaussiedlung', 'Erpressung', 'Zwangskollektivierung', 'Militarisierung', 'Stark eingeschränkte Persönlichkeitsrechte' sowie 'Berufliche Benachteiligung'.
Einer der wichtigsten Fluchtgründe war die in den 4Oiger und 5Oiger Jahren vehement betriebene "Wismut-Aktion". Auf Befehl der SMAD Thüringen hatte das Mühlhäuser Arbeitsamt wöchentlich bis zu 100 Arbeitskräfte zu stellen, eine Zahl, die nie erreicht wurde. Nachdem Anfang Juli 1946 130 Mühlhäuser schriftlich dazu aufgefordert worden waren, sich unverzüglich für den Uranerzbergbau zur Verfügung zu stellen, andernfalls drohe ihnen der Entzug der Lebensmittelkarte oder Gefängnis, kam es vor und im Arbeitsamt zu einem wütenden Aufstand. Zu dieser, vermutlich einzigen Bürgerrevolte in der Ostzone, nahm anderntag sogar die Presse (DAS VOLK v. 6.Juli 1946) Stellung. Zwar mit scheinbarem Verständnis für diese Reaktion, jedoch mit der Schlussfolgerung "daß es keinen anderen Weg gebe und daß die Bedingungen der Sowjets angenommen werden müßten". Nachdem 1952 die Republikflucht kriminalisiert und unter Strafe gestellt worden war, operierte die DDR-Justiz fortan im Zeichen des "verschärften Klassenkampfes". An Hand von Gerichtsakten weist Thiele die drastisch zunehmenden Schauprozesse gegen die so unter Anklage Gestellten nach. Dabei wurde den Fluchtwilligen stereotyp "moralische Verworfenheit" vorgeworfen, sie galten als "Volksschädlinge", "Saboteure" und "Vaterlandsverräter".
So werden in 17 Kapiteln kurz und prägnant die wichtigsten politischjuristischen Entwicklungsstationen vorgestellt, also von 1945 bis 1961. Sie sind der unwiderlegbare Beweis für ein von den Sowjets an der mitteldeutschen Bevölkerung begangenens Verbrechen, das in seiner Art einmalig in der deutschen Geschichte ist.
Es konnte nicht ausbleiben, dass bei der Vielzahl von Geflohenen sich alsbald Initiatoren fanden, die in Westdeutschland für die heimatverbundenen Mühlhäuser jährlich Treffen organisierten - von 1950 bis 1989. Sie alle waren Mitglieder der "Bundeslandsmannschaft Thüringen e.V.". Immerhin waren innerhalb von 10 Jahren mehr als eine halbe Million Menschen aus dem "Grünen Herzen Deutschlands" in den Westen geflohen - nachzulesen im Kapitel "Die Heimatlosen".
Vor allem sind es die Einzelschicksale, die in allen Kapiteln des Buches vorgestellt werden und die erst das ganze Drame der kommunistischen Willkür sichtbar machen. So berichtet thiele beispielsweise über die furchtbaren Erlebnisse des "Sowjetfeindes" Wilfred Busch, der als "Spion" und SPD-Sympathisant 1948 zu zweimal 25 Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Obwohl Wilfred Busch's Vater, Otto Busch, jahrelang Lehrer von Thiele gewesen war und beide sich gut kannten, erfuhr Thiele erst nach mehr als einem halben Jahrhundert (2006) durch die zufällige Bekanntschaft mit
der Witwe des Opfers von dessen Schicksal. Allein dieser Fall macht deutlich, wie perfekt es die Stalinisten verstanden haben, ihre schrecklichen Verbrechen zu vertmschen, durch Drohung, Erpressung und Verängstigung der Angehörigen.
Was aus den nach dem Mauerbau dagebliebenen "Andersdenkenden" geschah, wird in den Kapiteln "Zwangsaussiedlungen", "DDR-Strafvollzug" und "Freikauf" dargestellt. Angefangen von den rüden Umgangsformen mit Inhaftierten bis hin zum Mord an unschuldigen Bürgern sind hier mit unwiderlegbaren Fakten die verbrecherischen Vorgehensweisen des DDR-Staatssicherheitsdienstes verdeutlicht.
Constanze Mey
"Flucht ohne Ende - Bürgerverluste der Stadt Mühlhausen von 1945 bis 1961" von Manfred Thiele ist ein wichtiges Buch, das mit seinen Zahlen und Fakten ein einmaliges Geschichtswerk darstellt. Übrigens: Das Schicksal dieser Stadt haben alle Städte in der Sowjetischen Besatzungszone geteilt, ausnahmslos.

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Diesen Artikel haben wir am Mittwoch, 20. Juni 2007 in unseren Katalog aufgenommen.

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