Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne
Kaum ein anderer Herrscher der Neuzeit ist in einem so verheerenden Ausmaß
Opfer oberflächlicher »Journalisierung« (Ernst Jünger) geworden wie Kaiser
Wilhelm II. Der Fehl- und Vorurteile sind Legion, und es ist Zeit, Wilhelm II. aus
seiner Zeit heraus zu verstehen. Der Historiker Eberhard Straub, ein hervorragender
Kenner der Belle Époque, erinnert an die vergessenen innenpolitischen
Leistungen des letzten deutschen Kaisers. Aus Anlass des 150. Geburtstags
Wilhelms II. am 27. Januar 2009 betrachtet ihn der bekannte Historiker und
Sachbuchautor in der Politik seiner Zeit. Im Mittelpunkt stehen die politischen,
familiären, historischen und kulturellen Rahmenbedingungen, unter denen
Wilhelm II. sein schwieriges Amt antrat.
Ganz im Sinne europäischer Phänomene wie translatio imperii und inventing of
tradition versuchte Wilhelm II., dem jungen Kaisertum unter Rückgriff auf mittelalterliche
Traditionen (Archäologie, neoromanische Architektur) eine moderne,
zeitgemäße Gestalt zu geben. Dazu gehörte die Beendigung des Kulturkampfes,
das Engagement für die soziale Frage sowie die grundsätzliche Aufgeschlossenheit
und Unterstützung für Forschung und Technik, aber auch für Fragen der
Kunst- und Geistesgeschichte. Hinter den vielen Vorurteilen über die wilhelminische
Epoche blieb die Tatsache verborgen, dass es Wilhelm II. gelang, dem
Kaisertum eine moderne und hinsichtlich der Massenwirksamkeit auch demokratische
Gestalt zu geben. Die hohe Zahl der Nobilitierungen und Ordensverleihungen
etwa diente nicht nur höfischer Repräsentation, sondern auch dem Zwecke,
neue, leistungsbereite Schichten zu fördern und anzuerkennen.
Indem es Wilhelm II. wieder in seinen zeitgenössischen Kontext stellt, kann
dieses Buch als ein Gegenentwurf zu John C. G. Röhls Biografie gelesen werden,
deren letzter Band ebenfalls im September 2008 erschienen ist (Beck). Ferner
erscheint im Herbst Christopher Clarks Buch über Kaiser Wilhelm II. (DVA) sowie
ein Titel bei Osburg (Joska Pintschovius, Wilhelm II. Kaiser der Projektionen).
Es ist zu erwarten, dass es rund um den 150. Geburtstag eine breite Diskussion
über Wilhelm II. geben wird.
380 Seiten, eine Abb., 13 x 21 cm, gebunden, Fadenheftung,
2 Lesebänder, Schutzumschlag im Siebdruck
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Diesen Artikel haben wir am Mittwoch, 19. November 2008 in unseren Katalog aufgenommen.


